Schirmherrschaft

3 Jahre / 30 Tage. Mit Speedreifung in den Chardonnay-Olymp. Wageck Chardonnay Sülzner Weg 2016

Dass Wein traditionell keine Gebrauchsanweisung beiliegt, empfindet die Redaktion als problematisch, ein echtes Desiderat. Wenn man nicht weiß, wie und wann man Wein richtig trinkt, führt das eben oft zu Irritationen und oberflächlichen Urteilen. So geht es uns auch oft, denn wir haben mehr Durst als Geduld. Kommt Wein, von dem man weiß, dass er geil sein soll, will man ihn auch trinken. Anders war es nicht mit den Chardonnays vom Weingut Wageck.

Kellermeister Thomas hatte uns gewarnt, die Chardonnays müssten eigentlich noch Jahre liegen. Den aktuellen Jahrgang jetzt zu öffnen, wäre kindisch und albern – ein Sakrileg. Aber die Mahnung war wie frischer Sauerstoff, der uns in dem Drang befeuerte, die Flaschen zeitnah zu öffnen. Wir hielten uns für große Kenner und glaubten, ähnlich wie die großen Wein-Juroren, über ein solch tiefgreifendes sensorisches Verständnis zu verfügen, dass wir schon jetzt das Potenzial ganzer Dekaden antizipieren und zukünftige Reifestadien prognostizieren könnten.

»Hochmut kommt vor dem Fall«. Wir öffneten den Chardonnay Sülzner Weg 2016. Zunächst befüllten wir die Gläser mit dem Sülzner Weg und siehe da, der Wein präsentierte sich im Glas ganz ordentlich, in seiner Jugendlichkeit erkannten wir uns wieder: burgundisch, komprimiert, komplex und geil. Wir beschlossen, dem Wein ein wenig Luft zu gönnen, doch der Sauerstoff arbeitete gegen uns. Anstatt ihn zu öffnen, verschloss er den Wein. Nach gut 5 Minuten war er komplett zu – man hätte meinen können, dass er noch in der Flasche, nicht im Glas war. Frust machte sich breit. Wir beschlossen, Thomas zu kontaktieren. Der hatte Verständnis für unsere Ungeduld, schimpfte kurz und war dann ganz gütig gegen uns. Er gab die Anweisung, den Korken aufzustöpseln und die Flasche für 30 Tage zurück in Kühlschrank zu stellen. Die Reue hatte uns gepackt und wir folgten seiner Anweisung, auch wenn sie uns absurd vorkam. Nach gut 30 Tagen und 30 Nächten war es so weit, wir entkorkten die Flasche ein zweites Mal. Die Verzückung war groß! Was da ins Glas floss war einer der besten Burgunder, den wir bis dato getrunken hatten. Hoch komplex und durchstrukturiert, angenehm speckig, leicht floral und würzig. Im Mund klang er noch gefühlte Minuten nach und veränderte sich stetig. Die Speedreifung im Kühlschrank hatte uns einen Vorgeschmack darauf gegeben, wie der Wein wohl in 3 Jahren schmecken würde. Wir waren dankbar und beschämt zugleich.

Liebeserklärung mit Ode an den Spätburgunder Réserve 2012 von Knipser

Unser Blog existiert jetzt ziemlich genau zwei Jahre. Dieses Jubiläum muss irgendwie gefeiert werden. Das Thema gibt sich quasi selbst vor. Unser erster inhaltlicher Beitrag galt Knipsers Blauem Spätburgunder. Wir haben diesen Wein schon vor zwei Jahren gefeiert und wir feiern ihn auch jetzt noch. Aus unserem Herzen ist er nicht wegzudenken. Knipser ist für uns eines der coolsten Weingüter, gerade weil sie nicht versuchen, cool oder modisch zu sein oder sich mit trendigen Hashtags durch die Medienwelt des Weins fresen. Wahrer Style braucht keine Werbung, er wird ohnehin nachgeahmt. Nachahmungswürdig ist ohne Zweifel der Spätburgunder Réserve 2012. Ein deutsches Spätburgunder-Monument, das zeigt, wo es hingehen kann und wo man zuhause sein will. Grund genug für eine Weltpremiere. Wir haben keine Kosten gescheut und den unbekannten Poeten mit der Dichtung einer Ode auf diesen Wein beauftragt. Das Ergebnis würden selbst Pindar und Horaz abfeiern.

Knipser – Réserve

O Knospen, breitet
Weit eure Flügel
Aus, weitet
Euch weiter als
Die Pfalz,
Beflügelt von dem Gütesiegel
Auf eurer Frucht,
In alle Länder aus!
Die Blüten der Holunder
Verblassen
Vor Knipsers Spätburgunder
Aus reicher Rebenzucht;
Im Haus
Der Knipser keltern
Sie Trauben und naturbelassen
(Wie Eltern 
Die Kinder, wenn sie reifen)
Weit lassen sie sie durch die Erde schweifen!
Blau blühen Trauben 
Und Beeren, Brot
Vom kühlen Boden picken
Drei träge Tauben,
Dazwischen
Will hier und dort
Ein Spatz
Sich mischen:
O schöner Platz
O schöner Ort!
Des Weines Tod
(Den Mehltau) schicken
Wir fort
Aus Knipsers Rebengut!
Die Vögel bilden eine Kolonie
Und wie
Der Weingeschmack, der hohe,
Versprühen sie
Die frohe
Und reine Harmonie
Des Weines, dessen Glut
Uns Menschen wärmt
Von innen!
Wild schwärmt
Ein Jeder, wild
Und ungestüm
Ist jeder Mensch von Sinnen
O Wunder!
Der sein Verlangen stillt
Mit ihm:
Der Spätburgunder
Réserve
Stammt aus dem Weingut Knipser!

In Faulkners Schmiede – die sagenhaft jungen Spätburgunder von Chat Sauvage

Ein Must-Have für jeden seriösen Weintrinker ist die Karaffe, sie ist ein ästhetisches und zugleich existenzielles Accessoire. Ästhetisch, weil sie die unschönen Brocken herausfischt, die selbst hochkarätigen Wein bisweilen verunzieren. Ihre existenzielle Pointe besteht darin, dass sie Weinen Luft zuführen kann und so Flaschen genießbar macht, die eigentlich noch viel zu jung sind.

Weine beispielsweise wie die sagenhaft lagerfähigen Spätburgunder von Chat Sauvage. Das Weingut wird von Verena Schöttle geführt, bis 2015 von Michel Städter, und gehört Günter Schulz. Chat Sauvage hat Parzellen in allen geilen Rheingau-Lagen: Rüdesheimer Drachenstein, Johannisberger Hölle, Lorcher Kapellenberg, Assmannshäuser Höllenberg. Das sind keine krassen Pinots, die vom Assmannshäuser Höllenberg kommen, sondern krasse Pinots, die nach Assmannshäuser Höllenberg schmecken. Das stellen wir uns super schwierig vor, doch Verena und Michel beherrschen den Balanceakt zwischen eigener Stilistik und Lagencharakter perfekt. Super elegante, kühle und tiefgründige Spätburgunder, die alle gekonnt burgundisch angehaucht sind und eher auf Mineralität als auf Frucht setzen. Die Weine sind für Kenner, und Kenner schmecken, dass das keine Burgunder-Imitationen, höchstens Burgunder-Inspirationen sind. Etwas einzigartiges, das seinerseits nach Einzigartigem verlangt.

Nun hat Günter das Weingut Chat Sauvage leider erst 2005 gegründet, sodass sämtliche Spätburgunder, die bis dahin gemacht wurden, eigentlich zu jung sind. Wir müssen sie also karaffieren – aber wohinein gießt man so etwas Edles? Eine profane Karaffe aus dem Supermarkt? Eine missgestaltete »Design«-Karaffe aus dem Fachhandel? Nein, nein, nein!

Schnell schmeckten wir uns zu der Erkenntnis vor, dass es auf dem normalen Markt nichts gibt, was dafür gut genug ist. Was hier aus der Flasche kommt ist top of Rheingau and top of Germany. Die sptbrgndr-Redaktion war sich in diesem Fall nicht zu schade, selbst tätig zu werden und diesen genialen Weinen ihre Karaffe zu schaffen. Nicht der Chat Sauvage soll sich der Karaffe anpassen, sondern wir messen ihm die Karaffe an, in der er gedeihen kann. Die rechte Karaffe gehört zum Weingenuss dazu, denn sie präsentiert und repräsentiert den Wein. Und wenn man einen besonderen Tropfen aufzieht, dann sollte man auch eine adäquate Karaffe im Haus haben. Wir haben also kurzerhand bei WILLIAM RUDOLPH FAULKNER, Berlins gefragtestem Glasbläser und Spezialist für Burgunder-Karaffen, einen mundgeblasenen Dekanter anfertigen lassen, der speziell für die Bedürfnisse der Weine von Chat Sauvage ausgelegt ist.

Um die Form des Gefäßes zu bestimmen, trank Rudy einen Schluck Lorcher Kapellenberg 2012: seine Augen färbten sich vom Burgunder rot, der Kapellenberg entflammte ihn, er schmolz vor Wonne dahin und die leere Flasche ein: »Yo, thats the spirit of German Wine, bros!« Rudy arbeitete Tag und Nacht an dem Gefäß, die Redaktion beriet ihn. Parallel verkosteten wir Rüdesheimer Drachenstein 2014 und Assmannshäuser Höllenberg 2012, um die perfekte Form zu finden. Uns wurde klar, dass wir etwas klassisches und ursprüngliches für diese Tropfen erschaffen mussten, etwas das den geschmeidigen Charakter betont. Den Ausschlag gab dann der Lorcher Schlossberg 2012: ein Monument reiner, romantischer Liebe. Nichts anderes ist die Karaffe geworden – danke, Rudy!

So etwas ließ noch kein Blogger für keinen Wein anfertigen und lässt sich auch für kein Geld der Welt kaufen: ein Unikat für unikale Weine. Auf Euch, liebe Verena, lieber Michel, lieber Günter, füllen wir die Karaffe, Euch ist sie gewidmet!

Kaya Turkay

Deutscher Sekt und französische Uhren – Raumland und Cartier. Eine biographische Skizze

Viele Menschen glauben, wir Deutschen sind nur gut in Philosophie und Panzern. Uhren können wir beispielsweise nicht – Glashütte funktioniert zwar, ist aber nicht ästhetisch und liegt auch an der Grenze zu einem anderen Land. Nationen, die keine Uhren können, können auch keinen Perlwein, sagte einst ein französischer Baron in Rom zu mir: die Cartier funkelte am Gelenk, der Champus im Glas. Was blieb mir übrig, als ihm zu glauben. Ich war mittellos und wusste es nicht besser.

Vergeblich suchte ich den Franzosen die letzten zehn Jahre. Ich wollte schon meinen Frieden mit ihm machen, als das Schicksal es anders wollte: Auf einer kleinen Soiree im Herzen Berlins zeigte man neues und altes aus dem Pariser Uhrenhaus. Alles sehr ansehnlich und fein, alles funkelte. Man trank Dom Perignon. Ich glaubte meinen Augen kaum, aber auch der französische Baron war da. Wir grüßten einander wie alte Bekannte und berichteten aus unserem Leben. Er hatte gleich erkannt, dass ich es zu einem Mann von Welt, Bildung und Geschmack gebracht hatte: »Comment sent le goût du champagne?«, fragte er. Ich nahm einen Schluck und antwortete: »Bien, mais l’allemand est mieux«. Die Masse verstummte, der Baron lachte: »Mon Dieu, c’est impossible!« – »Oui«, »yes«, »ja« pflichteten ihm die anderen Besucher bei.

»Non Monrose« antwortete ich und entschuldigte mich sogleich für den albernen Wortwitz, den die Zukunft noch enthüllen würde. Auf diesen Moment hatte ich die letzten zehn Jahre gewartet. Der Franzose trank leer und forderte mich auf. Ich zog drei Flaschen aus einem ausgestopften Krokodil, die ich dort zuvor deponiert hatte, da ich nicht wusste, was der Abend noch bringen würde.

Mit einem Säbel köpfte ich den Riesling Brut von Heide und Volker Raumland; die Gläser drängten sich unter den quellenden Champus: Das ist mächtige Feinheit und ausbalancierte Perlage, die sich sehen lassen kann. Da ist Charakter und Amour drinnen, sage ich, »strohgelb wie die Sonne« ein anderer. Die übrigen Gäste tranken hastig ihren Dom aus und wollten probieren. Der französische Baron war sichtlich angetan, schwelgte in Erinnerungen an seine Jugend: »Bei diesem Wein muss ich an meine Mutter denken«. Schnell ging die Flasche rum, schneller war sie leer.

Als nächstes öffnete ich die Cuvée Katharina, diesmal ohne Säbel. Eine russische Gräfin bot mir ihre Pascha im Tausch für eine Flasche, die sie allein trinken kann. Kurz überlegte ich, aber nein, Raumland tauscht man nicht! In Cuvée Katharina ist das beste aus Burgund versammelt (Spätburgunder und Pinot-Meunier) klare Struktur und doch komplex, gerade so als hätte Volker Raumland den Äther der Idee des Burgundercuvées destiliert und zum Vorbild für dieses Träumchen genommen. Außerdem viel Länge, sodass die meisten noch staunten, während ich und der französische Baron uns der letzen Flasche widmeten.

»Monrose, jetzt verstehe ich«, lachte er.

Volker Raumlands »Monrose« ist eine Liebeserklärung an Schaumwein und gleichzeitig so ziemlich einer der besten deutschen Sekte. »Wenn alles so gut wäre, wie der ›Monrose‹, würde ich mein Chataeu sofort verkaufen und nach Deutschland ziehen«, sagte darauf der Baron. »Aber bitte seien Sie so gut, mein Lieber«, fügte er, leiser, hinzu, »wenn Sie das nächste Mal eine Empfehlung für mich haben, so warten Sie bitte nicht wieder ein Jahrzehnt damit!« Danach waren wir stumm. Inmitten dieser gekünstelten Atmosphäre wirkte der authentische Geschmack des Raumland-Sektes Wunder und sorgt für einen Moment angeschwipster Nüchternheit.

Raumland im deutschen Kontext

Oliver Zeter – ein Napoleon des Weinbergs

Seines bescheidenen Auftretens wegen wirkt Oliver Zeter nicht unbedingt wie ein Napoleon Bonaparte – zu groß gewachsen die Statur, zu männlich zupackend die Winzerhände und zu rechtschaffen und ehrlich der Charakter. Und doch – – aber von Anfang an!

Jeder Mensch wird einmal als kleines Kind geboren und das heißt heutzutage meistens: als Nichttrinker. Erst Jahre später, frühestens in der Jugend, idealerweise als schon reiferer Mensch, kommt er mit Wein in Berührung. Einen naturgeborenen Weinfreund gibt es daher wenn überhaupt nur im alten Griechenland. So kommt es, dass jeder Mensch die eine oder andere Heranführung an die Welt des guten Weins braucht. Der sptbrgndr-Redakteur wird hier einmal persönlich, wenn er gesteht, dass für seine eigene Heranführung an diese Welt niemand anderer verantwortlich ist als Oliver Zeter. Es war sein Pinot Noir Reserve, der den vormaligen Studenten mit einem Schlag zum Weinfreund bekehrte. Als Student ist es leider so, dass guter Wein Mangelware ist. Nicht nur sind gute Flaschen für studentische Verhältnisse zu teuer, auch herrscht, zumindest in den Fakultäten, die feine Menschen hervorbringen, ein gewisser Verdacht gegen das Distinguierte, das damit einhergehen kann. Überhaupt wird es als Symbol der eigenen Weltgewandtheit angesehen, ausschließlich Weine aus Frankreich, Spanien und Italien zu mögen. Nicht dass es dort nichts Gutes gäbe, doch in Kombination mit der besagten Geldknappheit ist das Resultat oft fatal, zumal die Flaschen meistens im Supermarkt um die Ecke von Kommilitonen gekauft und ungefragt mitgebracht werden. Nur durch einen Zufall: durch das Geschenk eines griechischen Weinkenners, gelangte ich in den Besitz einer Flasche Pinot Noir Reserve, die mir damals absurd teuer erschien. (Heute erscheinen mir die 20 Euro, die man dafür bezahlen muss, eher als eine Art Schutzgebühr, weil der knappe Ertrag sonst zu schnell ausgetrunken wäre.)

Ich öffnete die Flasche, goss mir ein und führte das Glas zur Nase – noch mit dem ersten Schluck im Mund eilte ich zur Universität und exmatrikulierte mich auf der Stelle. Diesem Getränk wollte ich von nun an mein Leben widmen!

Der Pinot Noir Reserve war der mächtigste Wein, den ich bis dato und seitdem gekostet habe. Nicht nur schmeckt er, als habe ein genialer Apotheker die Traube zu einem Elixier konzentriert, er demonstriert auch, zu was auch deutscher Spätburgunder fähig ist. Das ist nämlich die große Leistung Oliver Zeters: Die deutschen Trauben so groß zu keltern, dass sie auf ein ganz neues Niveau gehoben werden. Das gilt nicht nur für den Spätburgunder, dessen Abgang, selbst wenn man von der Pfalz aus zu Fuß unterwegs ist, einem noch in Frankreich auf der Zunge liegt, sondern auch für Zeters berühmten Sauvignon Blanc, dessen präzisen Geschmack man in Frankreich und noch in Neuseeland loben wird, dessen Seriosität man aber wohl nur im Heimatland Helmut Kohls hinbekommt. Die Knalligkeit exotischer Aromen fehlt hier nicht, sie ist aber dezent eingebunden in eine perfekte und sehr erwachsene Gesamtkomposition, zu einer kulinarischen Union aller Kontinente.

So ist es das Verdienst Zeters, dieses so unbonapartisch wirkenden Mannes, das Beste aus der ganzen Welt versammelt zu haben. Er ist der erste wirklich global denkende Geist der Weinwelt, der sich nicht mit dem zufriedengibt, was schon seit eh und je durch Zufall im deutschen Weinberg lag. Zeter greift unumwunden nach Frankreich und packt sich die finesse und einen Sinn für Qualität, den er in Deutschland kaum zu fassen kriegte – sie veredeln seine Spätburgunder und Sauvignon Blancs zur Perfektion. Er fasst ins ferne Afrika und holt sich Aromen, von denen die Pfälzer Urväter nichtmal träumten. Aus dem Morgenland erbeutet er Myrre und Weihrauch für seinen ZAFRÀN. Er umklammert alte und neue Welt, kurzum: Oliver Zeter ist ein wahrer Napoleon des Weinbergs. Selbst meine frankophilsten Kommilitonen von früher kaufen sich heute, mit Baskenmütze und Baguette ausgestattet, Oliver Zeters Weine für ihre Nouvelle Vague-Filmabende.

Zeter, zu Pferde im Weinberg

3–2–1 Prost! – Reflexionen eines Motorsportlers

Sicher ist Trunkenheit im Verkehr eine Ordnungswidrigkeit. Da aber wie so oft auch hier Rechtsnorm und Realität nicht unerheblich auseinanderklaffen, verwundert es nicht, dass gerade unter den Königen ihrer Bereiche eine innige Beziehung besteht. Die Rede ist von der »Krone der Rebe«, dem Signature Beverage dieser Blogsite, und dem Höchsten der Gefühle in Sachen Mobilität: dem Rennsport. Hier wie dort kitzeln Ingenieure und/oder Kellermeister das Äußerste aus ihren Schützlingen heraus, tunen etwa den Wein immer noch besser, verkürzen den Bremsweg, ölen die Gangschaltung oder kuvertieren zwei Jahrgänge. Doch damit nicht genug.

Von einem guten Rennwagen sagt man, er müsse schnittig sein. Nun ist Schnittigkeit auch eine Eigenschaft, die manchem Spätburgunder zum Vorteil gereicht. Nicht nur schneidet der Winzer den Weinstock. Man denke auch an die Holzfässer besonders der großen Spätburgunder, etwa aus Baden oder von der Ahr. Natürlich, das wird jeder Küfer bestätigen, wird das Holz der Fässer geschnitten (oder geschnitzt), bevor es den Wein fassen kann. Nicht von ungefähr hat sich auch im Raserjargon die Wendung: »Holz geben« als Kommando für das Gasgeben eingebürgert. Auch hier schließt sich der Kreis zurück ins Glas, da es aus chemiekalischer Sicht nichts anderes als eben Gase sind, die der Weintrinker als »Bukett« so sehr schätzt.

Die Fässer ähneln damit nicht nur in ihrer Form den für das Vorankommen des Piloten so wichtigen Rädern. Sie bringen den Wein voran, begleiten ihn auf seiner »Fahrt« durch die Jahrzehnte. Auf die Räder montiert der Garagenmeister die Reifen. Und wieder finden wir den Link zum Wein, der in seinen Fässern nichts anderes tut als eben dieses: Reifen. Die Geschwindigkeit mag in anderen Skalen gemessen werden, doch ist sie nicht nur Attribut beim Autorennen, sondern auch bei der Weinverkostung, wo wir solchen Weinen, die den Trinker dazu zu bewegen wissen, sein Glas zügig zu leeren, einen besonderen Trinkfluss zuschreiben. Der Spätburgunder ist hier oft eine Nasenlänge voraus, die aerodynamischen Qualitäten der Burgunderflasche tun ihr übriges, so dass er selbst hochkarätige Weine leicht abhängt, wenn diese etwa nur in der Schlegelflasche unterwegs sind. Durch ihren tiefen Schwerpunkt liegt die Burgunderflasche auch bei Regenwetter gut in der Hand, während etwa Weine im Bocksbeutel arg ins Schlittern geraten können. Bei Wein wie Rennsport gilt hier freilich die Maxime: Geschwindigkeit ist nicht alles. Ein Glas Spätburgunder am Steuer kann selbst erfahrenen Piloten helfen, die Feinheiten der Situationen besser einzuschätzen und hat schon machen Sieg nachhause geholt.

Nicht vergessen darf man das Terroir, das A und O jedes guten Weins und Rennens: Schiefer, Kalkmergel, Nürburgring und Muschelkalk bestimmen Mineralität und Charakter und bringen Abwechslung und Tiefe in den Genuss. Man stelle sich nur vor, ein Rennfahrer müsste Zeit seines Lebens wieder und wieder auf der selben Rennstrecke zirkulieren – da käme wenig Genuss auf. Und so müssen Rennfahrer wie Winzer ihren »Boden« kennen und das beste aus ihm herausholen.

Über all die Euphorie sollte man – auch dazu einmal ein Wort in einem dezidierten Weinblog – die gesundheitlichen Risiken solchen Genusses nicht unerwähnt lassen. Nicht nur Rennprofis wie Niki Lauda können ein Lied davon singen, dass Rennsport und Wein bedacht genossen werden sollten. Einen kleinen aber feinen Unterschied kann man hier beim Einsatz der so genannten »Fahne« feststellen, die beim Autorennen den sprichwörtlichen Startschuss signalisiert, beim Weintrinker aber eher als Schlussakkord einer strapazenreichen Verkostung bemerkbar wird.

Am Ende bleibt der Wettkampf. Grand Prix und Gault & Millau sind hier nur zwei der bekannteren Vergleichsveranstaltungen. Es locken Pokale und Medaillen für die Spitze ihrer jeweiligen Disziplinen. Der Erfolg wird im Wein- wie im Rennwesen regelrecht zelebriert. Man liebt die Feier der hervorragenden Persönlichkeiten, die mit Eichenlaub und Siegertreppchen geehrt werden, sei es nun der Erste eines Race oder die regional triumphierende Weinkönigin.

Sommer, Fernglas und Burgunder. Die Spätburgunder des Weinguts Hermann

Neben Spätburgunder steht bei vielen die Ornithologie ganz hoch im Kurs. Sehen und gesehen werden, heißt es hier. Wahre Hobby-Ornithologen interessieren sich aber weniger für die offensichtlichen und prolligen Vögel, die viele Wappen und Labels zieren. Wahre Ornithologen haben Freude am scheinbar Unbedeutenden: nicht Pfau und Adler, nicht Falke und Huhn, sondern Stieglitz, Rotkelchen, Schwalbe und Milan. Ihr Ruf lässt die Herzen der Vogelfreunde höher schlagen.

Auch bei der sptbrgndr-Redaktion ist das Interesse für die kleinen Racker groß. Im Frühsommer, wenn das Leben in die heimische Natur zurück gekehrt ist, werden Ansitzstühle ausgeklappt und Ferngläser geschultert. Wie sich Bier zum Fussball verhält, so verhält sich Spätburgunder zur Ornithologie. Denn Burgunder schärft die Sinne und macht sensibel. Man sagt, der Dachverband Deutscher Avifaunisten schwöre vor allem auf die Burgunder des Weinguts Hermann. In Altvoightsburg im Kaiserstuhl lebt man noch mit den kleinen Vögeln in Eintracht und die besten Weine werden nach ihrem Gesang benannt: Cantus Avis.

Wir machen die Probe aufs Exempel und tunen unsere Sinne mit Falk Hermanns Cantus-Avis-Weinen: Blauer Spätburgunder (2013 und 2014) und Reserve – Blauer Spätburgunder (2011). Während die gefüllten Gläser Luft atmen, schnuppern auch wir in die Natur und versuchen einen Blick auf die scheuen Vögel zu erhaschen. Wir nehmen einen Schluck vom Blauen Spätburgunder, um die Wirkung anzutesten: ganz seidig angenehm und hochwertig! Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Schon kommt ein Kelchen angeflogen und nimmt vertraut auf dem Rand des Glases Platz – nur zu, Gevatter Rotbrust, gönn dir nen Schluck und sing uns ein Lied. – Der Vogel tut wie ihm geheißen war, trinkt und hebt zu singen an: “Spätburgunder, Spätburgunder, heilge Traube Sonnenglanz…”

Es kommen weitere und tuen es ihm gleich. – Krass, der Wein lässt uns den Gesang der Vögel verstehen und sie singen weiter zu uns: „Wir Vögel sind wie diese Spätburgunder / verkünstelte Natur stellt sich in uns authentisch dar. / Vom Kaiserstuhle flogen wir, / vom Wein befeuert singen wir”. – Die Singvögel berichten, wir verkosten. Die sptbrgndr-Redaktion ist in jedem Fall ganz angetan von Falk Hermanns Weinen, die alle von einer filigrane Urtümlichkeit und gekonntem Holzeinsatz geprägt sind. Das ist großartiger Spätburgunder, der Abseits von modischen Trends und Marketingklimbim erdet und Maßstäbe setzt. 2013 sei ein hochreifer Jahrgang gewesen, hören wir aus dem Gesang heraus, sehr würzig, bisschen rauchig, komplex und anregend. 2014 wurde von einer kühleren Vegetation beherrscht, auch sehr filigran, mineralisch und anhaltend. Jetzt schon spannend, in einigen Jahren aber sicher noch besser! – Der Reserve ist aber noch einmal ne andere Klasse, da verschlägt es selbst den Vögeln die Sprache: vulkanisch elegant, pur komplex. – Grandios! Andächtig wird die Redaktion von den scheuen Tieren beim Trinken beobachtet. Dann ist auch das letzte Glas gelehrt, die Tiere heben die Stimme zum Gruß, doch wir verstehen nichts mehr.

Adama, prima donna (italienisches Sonett auf Simone Adams und ihre Weine)

Unsere Schirmherrin, die Jahrhundert-Winzerin Simone Adams, kann nie genug Lob erhalten! Erstmals in der Welt- und Literaturgeschichte wird deshalb heute ein italienisches Sonett für eine deutsche Winzerin auf einem Blog veröffentlicht. Der deutsche Spätburgunderblog und seine Schirmherrin haben wieder einmal die Nase vorn.

Adama, prima donna

Von einem unbekannten Dichter

Simone! Queste rime dolci sono
Ma amare ben rispetto al vostro vino:
Perché le lor bellezze non manchino
Si de’ gustare il vostro vin ch’al tono

Delle sfere celesti par consono:
Né Dante, Cavalcanti ovvero Cino
Potrebbero cantare del acino
Ben adeguatamente perch’ il dono

Che viene dalla vostra vigna degna
È troppo alto per lor uman ingegno:
Bisogna scongiurare la Colonna!

Lo so perché Petrarca ce l’insegna:
Fu ‘l suo Simon del paradiso degno —
Fin dove arriva Adama, prima donna?

Service für Deutsche: Übertragung in die Muttersprache

Simone! Diese Reime süßlich sind,
Doch bitter im Vergleich mit Eurem Weine:
Damit ihre Schönheit zum Vorschein kommt,
Muss man Euren Wein verkosten, der im Gleichklang

Mit den Himmelssphären zu sein scheint:
Weder Dante, Cavalcanti oder Cino
Könnten die Weintraube besingen
Auf angemessene Art, weil die Gabe,

Die von Eurem würdigen Weinberg stammt,
Zu hoch für ihren menschlichen Geist ist:
Es ist nötig, Colonna zu beschwören!

Ich weiß es, weil Petrarca es uns lehrt:
Sein Simon war des Paradieses würdig —
Doch wohin kommt dann Adams, die erste Frau?

Gelehrte Fußnote: Der Vers mit Petrarcas Simon spielt auf Rvf 76 an, wo es heißt (bezogen auf den Maler Simon Martini): Ma certo il mio Simon fu in paradiso

Künstler sein und Künstler trinken! Die Spätburgunder des Weinguts Künstler

Der sptbrgndr-Blog wird schon längst auch im Totenreich gelesen. Über einen Informanten hat unser Praktikant erfahren, dass dort schon seit geraumer Zeit über die edelste Traube und den Wein, den man aus ihr machen kann, gestritten wird. Vor allem Goethe soll sich hier als unerträglicher Besserwisser aufspielen und mächtig für Radau sorgen. Man ruft uns zu Hilfe und wir kommen!

Dort angekommen, zeigt sich uns ein absurdes Bild. Die ganze Unterwelt ist in Aufruhr! Alles was Rang und Namen hat ist hier zugegen. Wir beschließen zu schauen, vorerst nicht zu reden und halten uns im Hintergrund. Wirklich echt nur Prominenz hier, die vom Wein befeuert, hitzig disputiert. Ich sehe Bismarck, rotes Gesicht, rötere Nase, stark abgebaut: »Das Forster Ungeheuer schmeckt mir ungeheuer…« Politische Größen prosten ihm zu. Da, Carl Zuckmeyer,völlig blau, stammelt irgendwas. – Eine Stimme sticht hervor: hessischer Dialekt, frankforderisch, sicher schon einiges intus… Ja, das ist er, Goethe! Fuchtelt mit seinem Glas herum, mit Schaum vor dem Mund und preist seinen Burgunder an. Er sei der letzte, der noch alles gewusst hat und das dieser Wein hier der beste ist, das sei gewiss … bla bla bla – Eckermann geht herum und schenkt von Goethes Wein ein, kichert dabei albern. Diese Toten sind auch nicht besser als die Lebenden, wie pubertierende Jugendliche, kann man sich nur fremdschämen. Kurt Cobain zupft die Laute, singt Goethe ein Ständchen. Dann wird Caravaggio von Eckermann umgeboxt, weil der eine Karikatur von der Szenerie gezeichnet hat, alle Künstler außer Tischbein sind empört. Wie im Irrenhaus…

HOCHHEIM REICHESTAL SPÄTBURGUNDER ERSTES GEWÄCHS 2008 Rausgeholt und aufgekorkt, da werden die Toten aber Gesichter machen. Auf Gunter Künstler war noch immer Verlass. Die Künstler sind entzückt und applaudieren: »Künstler trinken Künstler«, ruft Dürer, »Wein ist Kunst« Van Gogh – alle lachen – Eis gebrochen. Da kommt auch schon Franz Sacher und streckt fordernd seinen Kelch aus. Er ist ganz entzückt: »Dieser Wein schmeckt wie die Idee von Kirschkuchen« – in der Tat! Der Wein kommt weich und samtig daher, das Kirscharoma ist gut eingebunden, dazu gesellt sich im Mund der dezente Geschmack von Teig, erinnert ein wenig an ein Kaffeekränzchen, dabei aber sehr elegant und ausgewogen. Alkohol ist perfekt eingebunden. Findet auch Herr Sacher und genehmigt sich noch ein Schlückchen. Fast zu schade für die Toten.

HOCHHEIM REICHESTAL SPÄTBURGUNDER ERSTES GEWÄCHS 2010 Wir steuern direkt auf Georg Christian Füchsel zu, der etwas abseits steht. Natürlich lobt er das Reichestal, da ist er als Bodenexperte ganz entzückt von. Wir trinken ein Gläschen gemeinsam. »Als Weinjahr war offenbar 2010 ganz klassisch. Das schmeckt man und ist auch gut so, weil sich die Lage so gut einnorden lässt.« Der ist eher burgundisch, leicht verspielt, trotzdem komplex. Wie bei den anderen, so ist auch hier Wildkirsche das vordergründige Aroma, dazu gesellt sich ein wenig schärfe und angenehme Würze, alles aber noch ein wenig verschlossen, in jedem Fall aber ein großer Wein.

HOCHHEIM REICHESTAL SPÄTBURGUNDER GG 2011 »Heda«, der historische Jesus hat den 2011er stibitzt und teilt mit dem historischen 2Pac, der wie alle Rapper eigentlich nur Champagner trinkt, sich nach dem Tod aber ein ganz profundes Wissen über Spätburgunder angeeignet hat. Scheint ihm zu schmecken. Er reimt: »Nothin like the old school/ain’t nuttin like the old school« – Jaja Gunter hat ein Händchen für Burgunder, cooler Typ. 2Pac erklärt, wir übersetzen: »2011 war ein gutes Jahr für die Traube, spiegelt sich auch in diesem Wein. Voller Geschmack und kraftvolles Aroma. Viel Wildkirsche, leicht sauer aber nicht unangenehm, ein bisschen Pflaume schmeckt man raus.« Jesus meint, dass er noch was leicht Bockiges hat. »Yes« antwortet 2Pac und weiter: »Alkohol und Säure sind noch etwas dominant«. Er lobt noch die Lagerfähigkeit. – Wirklich ein Kenner, haben kaum was zu ergänzen. Wir klatschen ab und zücken den nächsten Jahrgang.

HOCHHEIM REICHESTAL SPÄTBURGUNDER GG 2012 Jetzt kommt auch Goethe angewatschelt. Na dann wollen wir mal. Ich gebe ihm erst einmal ein Burgunderglas, das er mit Kennerblick inspiziert. Form und Inhalt müssen passen. Goethe stürzt ein Glas. »Haaallllt!!!!«, rufen wir, »im 21. Jahrhundert trinkt man guten Wein schluck-, nicht literweise!« Man sieht die Röte in sein Gesicht steigen, ist ihm sichtlich peinlich. Typisch, der Geheime Rat hat keinen Respekt vor der Jugend. Und jugendlich ist dieser Wein, aber oho. Hier kann man nur das Potential erahnen, was allerdings nicht unspaßig ist. Noch kommt der 2012er frisch daher, schöne Kirschnoten in der Nase, der hat noch Ecken und Kanten, sicher kein moralischer Wein und im Vergleich zu den anderen Jahrgängen eher unorthodox. Vielleicht hat Gunter Künstler da was im Keller gedreht und noch stärker auf das Alterung gesetzt. – Goethe trinkt jetzt vorsichtiger und ganz manierlich. Die Lektion hat in jedem Fall gefruchtet.

HOCHHEIM REICHESTAL SPÄTBURGUNDER GG 2014 Der ist eigentlich noch viel zu jung, da braucht man jemanden, der das antizipieren kann. Und prompt reicht uns Rudi Dutschke die Hand. Was wir da hätten, fragt er in angenehmen Tenor. »2014er Reichestal«, antworten wir. Rudi grinst: »Wein muss reifen, wie wir Menschen. Der Respekt vor dem Gunter und seinem Werk und vor allem den Arbeitern im Weinberg und im Keller verbietet es mir, diesen Tropfen jetzt schon zu öffnen. In den etablierten Institutionen wird guter Wein zu früh getrunken. Geduld ist die Tugend der Sozialisten, darin üben wir uns jetzt schon lang«. Ej, das ist mal ne Ansage und er hat recht!

Zurück auf der Oberwelt resümieren wir unseren Abstecher. Hochheim Reichestal ist eine großartige Lage, die tollen Spätburgunder mit schöner Charakteristik und sehr hohem Lagerpotential hervorbringt. Das die älteren Jahrgänge noch Verfügbar und recht preisgünstig sind, ist sehr gut und echt fair. Künstlers großartiger Spätburgunder stand ja lange Zeit im Schatten seines Rieslings – so das öffentliche Narrativ –, dies aber ganz zu unrecht, so finden wir!

Gunter Künstler im Triptychon mit Rahmen (Foto: Andreas Durst)

Waffen, Wein und Weiblichkeit – Die Spätburgunder der Simone Adams

Wenn Simone Adams eine Kiste Wein zuschickt, dann ist das nicht einfach ein Karton: der eigentliche Karton wird von einem gewöhnlichen Karton geschützt. Der richtige Karton ist ein Designerstück (echt chic! – haben wir gleich zur Seite gestellt), ausgestaltet im Corporate Design der Internetseite von Adams Wein. Und die ist richtiges Kopfkino. Erinnert noch mehr an das Werk von Alexander Kluge als an eine Winzer-Seite – gefühlte Stunden drauf verbracht: stark assoziativ, minimalistisch, leicht verstörend, traditionell, viel Magenta, poppig, geerdet and armed.

Frau Adams ist nämlich die Diana unter den deutschen Winzerinnen, schöne Augen und Kanonen; passionierte Jägerin eben. Ihre Weine sind nach Kalibern klassifiziert: Kaliber 12, 36 und 48 sind Spätburgunder – wir trinken sie alle. Normalerweise tüftelt die sptbrgndr-Redaktion an schmissig vermittelnden Narrativen; hier leider überflüssig, weil Adams Wein eine komplett, komplex und intelligent durchgestylte Premium-Weinmarke ist, die ihre eigene Geschichte erzählt. Fast kommt einem der Gedanke, Frau Adams Muse wären nicht die Burgunder der Franzosen, sondern ihr Kino (Nouvelle Vague und so). Kluge Frauen machen klugen Wein and Ingelheim becomes Paris!

Naja, für uns als Blogger ist das frustrierend, weil alles, was wir so können, hier schon ziemlich elegant umgesetzt ist. Eigentlich müssen wir nicht weiter schreiben… Allein das Etikett setzt schon Maßstäbe: AdamsWein – magentafarbendes Logo – von einer Kugel durchbohrt (die Größe des Einschussloches variiert sogar). Man denkt an Adam (erster Mensch und Mann), Frau Adams ist aber eine Frau (!); ok deswegen das magentafarbende Logo, schon irgendwie weiblich; aber denkste, Einschussloch. – – – Uns gefällt das Spiel mit den Gegensätzen, stimuliert den Denkapparat (Gustatorischer Cortex und so), erinnert auch an die Monatgetechnik à la Kluge (#Poststrukturalismus, #Rhizome etc.).

Jeder Freund unseres Blogs wird auch Frau Adams Beschreibungstexte witzig finden: »Mit Biss und Zärtlichkeit punktiert dieser Pinot Noir die Zunge und stellt auf unverwechselbare Weise fest, dass in der Brust des Spätburgunders immer zwei Herzen schlagen. Sie küssten und sie schlugen ihn.« Truffaut und Goethe schon bei Kaliber 12 zu droppen, ist ne krasse Nummer, vielleicht auch übertrieben – aber Respekt! Wir machen die Probe aufs Exempel: Flinte durchgeladen und Bouteille ins Rohr!

Kaliber 12 – 2014: Ganz witzig, weil man bei dem Einschussloch auf der Flasche eigentlich etwas völlig anderes erwartet. Nämlich einen Rambo-Wein, einen übergewichtigen Jungen, der zu lange im Barrique-Fass gelegen hat und sich nicht mehr bewegen kann. – – – Weit gefehlt!!! Das hier ist was ganz anderes, wirklich ein filigranes Tröpfchen, nicht wuchtig, aber wild, Sauerkirsche, etwas Veilchen, leicht rauchig, finessenreich und elegant. Erinnert ein wenig an die Stilistik eines Englischen Gartens, verwuchert und trotzdem strukturiert! Für knapp 12 Euro ist das ein ziemlich cooler Spätburgunder, der mit den Jahren sicher auch noch an Tiefgang zulegt.

Kaliber 36 – 2012 ist schon eher für größeres Wild gedacht! Aber in dieser Bouteille ist kein Wildschwein, kein Hirsch, der Geist der Flasche ist ein Rehlein. Burgundisch fein kommt dieser Pinot daher, 12 Monate im neuen Barrique, sechs Monate Flaschenreifung. Das ist ein Wein für Grübler, Denker und Beobachter, die im Spätburgunder die feinen Nuancen suchen und finden wollen. Ganz elegant, trotzdem komplex und tiefgründig. Unser Praktikant vergießt eine Träne.

Kaliber 48 – 2013 ist für die Großwildjagd aus der Ferne gedacht. Das Spitzengewächs vom Ingelheimer Sonnenhang ist gewachsen auf Muschelkalk, 18 Monate Barrique und neun Monate Flaschenreifung. Hier ist wirklich einiges drin, das ist ein mega komplexer Spätburgunder, der mit einer kühlen Wuchtigkeit daher kommt: Kräuter, Kräuter, Kräuter, Eukalyptus, Minze, Lavendel und Anis – so wunderbar in der Nase. Aber auch der Gaumen: Anis, Zedernholz und Lakritz. Wirklich ein aufregender Spätburgunder, der ordentlich Luft braucht – leider auch schon alle. Müsste man sonst auch einlagern und in zehn Jahren rausholen!

Spätburgunder von Simon Adams zu trinken, ist für die Sinne zunächst einmal ein intellektuelles Vergnügen. Das sind super komplexe und spannende Weine, die für sich stehen: authentsich und kompromisslos – mutig und modern. Wirklich genial ist die Einbindung des Corporate Designs, etwa beim Flaschenetikett. Hier wird eine spezifische Erwartungshaltung suggeriert, mit der man sich während des Trinkens auseinandersetzen muss: Kopfkino eben. In jedem Fall braucht eine Weinnation solche Weine und Ideen, wenn man längerfristig auch beim Burgunder die Franzosen übertrumpfen will. In Ingelheim am Rhein entsteht etwas Großes und Eigentümliches! Das ist der Spätburgunder unserer Generation und wir feiern ihn.

Simone, hörst Du des Nachts Gesang von Deinen Hängen klingen, // schieß nicht, lass Deine Flinte stehen // Es sind die trunknen sptbrgndr-Jünger, die Dir ein Loblied singen!

Logo und Ettiket von Kaliber 36