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12.7.2016

Die Offenbarung

Spätburgunder im Sale und nicht irgendeiner: Jacob Duijn: Pinot Noir SD. Bühlertaler Engelsfelsen 2008. Ich kann es nicht fassen! Einst hatte Captain Cork meine Begierde für diesen königlichen Wein geweckt, doch bis dahin traute ich mich nicht, direkt in die Sonne zu blicken.

Und jetzt stand er als Sonderangebot in der Auslage eines billigen Online-Weinshops, der seiner nicht würdig war. Lächerliche 20 Euro sollte man für eine Bouteille löhnen: Ha!!! Das kann nicht sein, mich packte das Misstrauen. Mit verstellter Stimme und unterdrückter Nummer rief ich bei Jacob Duijn an (auf Handy) und erkundigte mich nach etwaigen Schwächen des 2008er Jahrgangs. Der Klang seiner Stimme, der Inhalt seiner Worte beruhigten mich. Ich orderte sogleich einige Flaschen.

Dann das Warten... Es zehrte an meiner Seele, ich war Penelope (gr. Πηνελόπη, bei gr. Ὅμηρος), Duijns SD Odysseus (gr.Ὀδυσσεύς). Dann kam er, pünktlich zu meinem Geburtstag, und mir wurde klar, dass ich geboren wurde, den SD zu trinken. In die Wogen dieses Weins wollte ich mich ergeben, auf seiner Oberfläche würde sich gewiss meine Seele (gr. ψυχή) spiegeln. Duijns Pinot Noir SD war der Wein, den Jesus auf der Hochzeit von Kana im Sinn hatte (Johannes 2, 1 11) als er sich des Wassers annahm. Ich lauschte kurz an der Flasche, hörte aber nichts: auch egal...

Bei der Verkostung machte ich natürlich alles falsch. Cork hatte den Wein einst einen Tag im Dekanter ruhen lassen, ich gab ihm nicht einmal eine Minute (die Gier hatte mich gepackt), füllte mein Glas, schnupperte kurz und trank... Trotzdem war es ein himmlischer Genuss – die Idee von Spätburgunder –, noch Stunden später hatte ich den Geschmack auf der Zunge (kompetenter als ich es kann, beschrieb Cork den Wein). Nur widerwillig teilte ich, der Duijn hatte mich in seinen Bann geschlagen... Nun weiß ich was Spätburgunder ist!

Nachtrag: Meiner Schwiegermutter hatte ich unbedacht eine Flasche vom SD geschenkt. Aus Gier und Angst, sie könnte ihn ohne mich trinken, drängte ich bei meinem letzten Besuch dazu, die Flasche in meinem Beisein zu öffnen (passende Gläser, Dekanter etc. hatte mitgenommen). Ich eiferte Cork nach und ließ ihn länger atmen. Während ich trank, kamen mir einige Verse aus Hölderlins Hyperion in den Sinn:

Denn jede Zucht und Kunst beginnt zu früh, wo die Natur des Menschen noch nicht reif geworden ist. Vollendete Natur muß in dem Menschenkinde leben, eh‘ es in die Schule geht, damit das Bild der Kindheit ihm die Rückkehr zeige aus der Schule zu vollendeter Natur.