Schirmherrschaft

Zukunft und Vergangenheit. Weingut Freiherr von Gleichenstein – Beethoven: Sonate für Klavier und Violoncello Nr. 3 A-dur, op. 69

Beim Weintrinken spielt auch immer das Historische Moment eine wichtige Rolle, das ist der sptbrgndr-Redaktion schon klar. Viele Weine sind ja ohnehin für die Zukunft gemacht, so sagt man. Wenn man sie dann trinkt, wird auch immer ein Stück Vergangenheit geschluckt – mal ein größeres und mal ein kleineres. Dafür zu sensibilisieren, ist uns Anliegen und Pflicht zugleich.

Bei den Weinen von Freiherr Johannes von Gleichenstein geht das ganz besonders leicht. Denn wer nicht nur trinkt, sondern auch hört, dem ist Beethoven ein Begriff – Sonate für Klavier und Violoncello Nr. 3 A-dur, op. 69 bestimmt nur den Kennern. Ganz lustige Geschichte: Beethoven hat die Sonate seinem Kumpel Ignaz von Gleichenstein (1778–1828) – Ahne von Johannes – 1809 gewidmet, bevor die beiden sich wegen Weibergeschichten gestritten haben. Beethovens Briefe geben Einblicke in die romantische Freundschaft der beiden: »Da ich mit meiner Zeit nicht auslange diesen Morgen, so komme ich gegen Mittag zum Wilden Mann im Prater, ich vermuthe, daß sich dort keine wilden Männer sondern schöne Grazien finden…« War ne coole Zeit, die deutsche Romantik!

Wir hören die Sonate in jedem Fall zur Einnahme der Weine, denn wir glauben an das kulturelle Gedächtnis und stimmig ist es allemal. Auch anders herum: Beethoven geht nur authentisch mit ner Flasche Gleichenstein intus! Die Bildungsproleten unter unseren Lesern aufgehorcht: Wir empfehlen die Nachahmung, wenn ihr Anerkennung schinden wollt! Mit Spitzenspätburgunder und Anekdoten ließ sich noch jeder Schwiegervater und Vorgesetzte beeindrucken – ist ein Selbstläufer. – Musik ab und auf gekorkt!

1. Satz: Allegro, ma non tanto: 2012 Oberbergener Baßgeige

Ein Cello solo eröffnet – die Baßgeige wandert ins Glas (lol). Vorab sei gesagt, dass 15 Euro für diesen Wein eigentlich zu wenig Geld ist. Überhaupt sind die Weine des Freiherrn mit Blick auf die Qualität echte Schnäppchen, gilt für alle und wir erwähnen das jetzt nicht mehr. Vulkangestein mit Löss sorgt für Spätburgunder, wie wir ihn lieben: mineralisch, saftig, bissig, schmissig, burgundisch rot (ein bisschen blass). Dabei macht es riesig Spaß, den Wein beim Sauerstofftanken zu beobachten, in Intervallen – vielleicht 20 an der Zahl – nehmen wir winzig kleine Schlücke und staunen über das sich entfaltende Potenzial. Chapeau, Chapeau! Die Flasche leert sich – Allegro geht vorbei – ganz melancholisch. Schmeckt in 2 Jahren sicher noch besser.

2. Satz: Scherzo: Allegro molto: 2010 Oberrotweiler Eichberg – BARON PHILIPP

Den Namen hat der Wein vom Sohn des Freiherrn, der 2006 geboren wurde, gibt ihn auch erst seit diesem Jahr. – Hektisch werden Adoptionsformulare herumgereicht und an Johannes adressiert; jeder will Kind des Freiherrn und Widmungsempfänger eines solchen Spätburgunders sein: »Baronin Jesse«, »Baron Ringo«, »Baron Jeremy« – passt vielleicht doch nicht so gut, egal. Das ist in jedem Fall ein richtig komplexer und großer Burgunder: 24 Monate Barrique ist ne Ansage – Odin Bauer hat es drauf. Kirsche und Schokolade, Quitte, etwas Vanille, sehr komplex und dicht. Hoffentlich kommt bald noch mehr Nachwuchs.

3. Satz: Adagio cantabile – Allegro vivace: 2005 Oberrotweiler Eichberg – RG Barrique

Der Großteil der Redaktion wünscht, dass Beethoven nun verstummen soll, weil das Geklimper nur vom Wein ablenken würde. –. –. –. Zum Schluss kommt noch ein richtiger Bruder/Schwester! Wir wissen nicht, wie der Wein 2010 geschmeckt hat, da kam er auf den Markt (92 Punkte GM), 5 Jahre Später präsentiert er sich uns in jedem Fall als ein FERTIGER Wein! Wir benutzen hier keine Superlative, weil FERTIG es einfach am besten trifft. Die Familienähnlichkeit mit den beiden ersten Sätzen ist deutlich wahrnehmbar, aber alles wirkt runder, feiner, fertiger. Das ist ein großartiger und großer Spätburgunder, der sicher zu den besten Badens gehört und zeigt, was deutscher Spätburgunder so alles kann.

Bravo, Bravo! Hier findet man ein wirklich großes Spektrum an badischen Spätburgundervariationen, die allesamt individuell und stimmig ausgestaltet sind. Vor allem begeistert uns das hohe Reifepotenzial, das die Weine durch die Bank weg haben.

Captain Cork. Das ultimativ andere Weinbuch

»Die Traube ist megakompliziert, aber wenn man einmal weiß, was Spätburgunder braucht und wie man ihn behandeln muss, ist jedes Glas davon eine echte Freude.«
– Captain Cork. Das ultimativ andere Weinbuch, S. 30

Unter hunderten von eingesandten Weinbüchern hat sich die sptbrgndr-Redaktion dafür entschieden, Captain Corks Weinbuch von 2013 zu rezensieren – einfach weil jeder Blogger, der was auf sich hält, da was zu sagen muss. Gute Rezensenten gucken immer erst einmal, was andere Leute so denken, um Schreibarbeit zu sparen und anschlussfähig zu sein. Die Kritiken changieren zwischen affirmativem Lob und polemischer Kritik. Wir werden uns also dazwischen positionieren. Aber erst einmal in Stimmung bringen, sind ja selbst mit der See anverwandelt: Heino, Seemannsfreud/Seemannsleid, Track 1: »Mal die Heimat, mal die Ferne, aber stets die selben Sterne«…

Ein Sprichwort sagt, dass man das Huhn nicht am Gefieder erkennt. In diesem Sinne wollen wir uns auch nicht zum Autoren-Kollektiv, den biographischen Hintergründen etc. äußern. Einzig das geschriebene Wort soll zählen. Ruppig, keck und frech räumt der Captain erst einmal mit allen Weinmythen auf, die es so gibt, um anschließend in praktische alltägliche Weinfragen hinüberzuwechseln. Das zweite Kapitel setzt sich mit regionalen Unterschieden sowie Weinsorten auseinander. Im dritten und abschließenden wird von der Arbeit im Weinberg, Keller, Weinmarketing etc. berichtet. Alles in allem eine schlüssige Gliederung. Die nackten Inhalte findet man so aber auch in jedem anderen Weinbuch. Das innovative an dem Buch ist die Form, nicht der Inhalt.

Auffällig ist zunächst die arg überzogene Seefahrermetaphorik, die einen auf jeder Seite anspringt – und sei es nur in Form grafischer Elemente. Weite Teile des Textes kommen aber dann wieder ganz ohne nautische Referenzen aus, so dass nicht recht klar wird, warum das in der Aufmachung des Buches so hervorgehoben wird. Letztlich hat man den Eindruck, dass die Seefahrerei dem ganzen doch ein wenig aufgesetzt ist – vor allem, weil sie die Buchgestaltung so nervig dominiert: Alle Überschriften zum Beispiel sehen aus wie mittels Farbschablonen beschriftete Rumfässer – das verliert auf die Dauer schnell seinen ohnehin nicht allzu großen Reiz (Ausnahme sind die schönen Übersichtskarten über die verschiedenen Weinregionen, die dafür einen dankbaren Gegenstand abgeben). Überhaupt hätte die Redaktion es noch besser gefunden, wenn nicht so eindeutig Kapitän James Cook zum Schirmherrn gemacht worden wäre, sondern – origineller, lustiger und auch phonetisch passender – Captain Kirk!

Auch wenn Captain Cook ein betont rechtschaffener Mann war, scheint die mitschwingende Assoziation, auf die es hier ankommt, die Piraterie zu sein. Ein wichtiges Anliegen des Buches ist es, gängige Weinklischees freibeuterisch unter Beschuss zu nehmen und damit eine im klassischen Koordinatensystem »unmögliche« Position zu besetzen: Der Captain möchte gern ganz anders sein als die anderen. Der Anspruch anders zu sein, um sich von der Masse abzugrenzen, ist als Selbstzweck aber reichlich albern. Meistens ist das Andere dann so gewöhnlich wie das Gewöhnliche, also eigentlich überflüssig. In der Regel fällt uns dies bei pubertierenden Jugendlichen, die sich von ihren Eltern abgrenzen wollen, am deutlichsten auf.

Damit ist auch schon die wichtigste Funktion und zugleich das größte Verdienst des Buches umrissen. Denn es erfüllt für die Weinwelt die gleiche Funktion wie Tic Tac Toe für die Jugendkultur der 90er: Es hilft dabei, ein Gesellschaftsbild aufzubrechen. Bis ins 21. Jahrhundert hinein war der Konsum von gutem Wein und die Befähigung, diesen zu genießen, eines der Hauptdisistinktionsmerkmale der gebildeten Oberschicht. Cork hat dieses Narrativ gekapert und Interessenten ermuntert, passiv und aktiv am Weindiskurs zu partizipieren. Dabei versteht es sich ja ganz von selbst, dass sensorische Genies, die das Weinvokabular schon mit der Muttermilch aufgesogen haben, und praktisch alles wissen, in Corks Buch nicht die gesuchte Erkenntnis finden. Natürlich fürchten sie, ihr Monopol am Weindiskurs zu verlieren und der Captain musste von den Gebildeten schon ordentlich Prügel kassieren, wie das bei Piraten so ist. So wurde er erst kürzlich in den sozialen Netzwerken damit aufgezogen, dass das »ultimativ andere Weinbuch« günstig zu haben sei und nun ja jeder mitreden könne. Derlei alberne Stichelei verweist aber auf einen ganz beschränkten Geist. Denn anders als in der Welt des Weines, wo es auch nur bedingt zutrifft, ist der Preis in der Welt der Bücher kein Indikator für Qualität und Bedeutung – manche der kulturhistorisch bedeutendsten Bücher kann man sogar umsonst im Internet lesen, etwa die Bibel. Also derlei Kritik ist jedenfalls unangebracht, da sie nicht auf die Funktion des Buches abzielt.

In historischer Perspektive markiert Corks Buch nämlich den Beginn einer neuen Epoche der Kommunikation über Wein in Deutschland – Aufbruch – unbekannte Ufer – Seefahrt. Cork stilisiert sich selbst zum Kapitän künftiger Generationen von ambitionierten Jungtrinkern, denen er die richtige Route weist, die Sterne deutet etc. Bissel wie ein Prophet, Moses oder so, nur cool eben. Damit hat er dem Weinjournalismus in Deutschland einen großen Dienst erwiesen, für den ihm vor allem Dank gebührt. Uns hat er in jedem Fall inspiriert und wir geben das auch ganz offen zu. Solche Bekenntnisse haben auch nichts mit Einschleimen oder so zu tun und sind beispielsweise in der Rapszene, die ja noch bedeutend »härter« als die Weinszene ist, ganz selbstverständlicher Bestandteil des Business.

Rainer Balcerowiak, Manfred Klimek: Captain Cork. Das ultimativ andere Weinbuch. Erschienen bei Hallwag, München 2013.

Psautier de Paris, BnF MS Grec 139, folio 419v. Traversée de la Mer Rouge. Noyade de l’armée de Pharaon.

Der männlichste Schaumwein der Welt (Allendorf 2010 Assmannshäuser Spätburgunder Brut)

Das Weingut Allendorf hat auf Facebook 8.000 Likes eingeheimst. Auch wir wollen uns unter die Gratulanten mischen und vor allem für ein Produkt aus diesem wunderbaren Gut die Werbetrommel rühren: Es ist der wohl männlichste Schaumwein, den wir jemals getrunken haben, der 2010 Assmannshäuser Spätburgunder Brut (im Folgenden 2010 ASB abgekürzt) – ein Rotsekt der Extraklasse, absolute Bombe. Als müsste sich dieses köstliche Getränk verstecken, findet man es im hauseigenen Onlineshop recht abgelegen unter Allendorf Spritzig, ganz unten und leider ohne Bild, ist aber egal.

Wir hatten zwei Flaschen.

1. Flasche: Zusammen mit der mehrfach prämierten Barkeeper Legende Konrad Friedemann hatten wir uns in den Kopf gesetzt, einen Spätburgunder Cocktail zu entwickeln, der auch den größten Spätburgundermuffel zum Getränk der Götter bekehren sollte und wir wollten natürlich Ruhm, weil es sowas noch nicht gibt. Als ich von der Order des 2010 ASB berichtete, war klar, dass wir es damit probieren mussten. Konrad kam zwei Stunden früher zur Arbeit, um alles vorzubereiten (nur das Edelste versteht sich), ich verließ meine zwei Stunden früher, um schneller bei ihm zu sein. Wir wussten nicht, was uns erwarten würde und köpften die Bouteille – das hatten wir nicht erwartet: tiefrot, herb und kernig, gut hefig – heftig –, röstig reif. Der erste Schluck war gar nicht so lecker – umdenken, das hier ist was ganz anderes. Kein typischer Sekt, das schmeckte eher wie ein GG, dass mit dem Sodastream aufgepimpt wurde – Spätburgunder mit Gas, nicht still. Man wird süchtig von dem Zeug, das war uns schnell klar – schnell wieder weg damit, sonst ist es leer. Wir haben an diesem Abend versucht, den 2010 ASB mit einigen klassischen Rezepturen zu kombinieren (Seelbachabwandlungen, Negronivariationen, Manhattenausführungen etc.). Der 2010 ASB sperrte sich jedoch und wollte keine Verbindung eingehen. Dann sollte es eben so sein, Zwangsehen gehen nie gut aus. Dann schlich sich auch die Erkenntnis ein, dass sich der Schöpfung Krone nicht verzüchten lässt.

2. Flasche: Weil ich wusste, was mich erwarten würde, war die zweite Flasche ein wahrer Hochgenuss. In andere Runde, in männlich trauter Zweisamkeit, genossen wir ohne Hast und lauschten dem Prickeln. Wir waren froh über unseren 2010 ASB und hätten ihn gegen keine Kiste Champagner der Welt eingetauscht. Ein großartiger Schaumwein, der das Herz jedes Spätburgunderfreundes in die Höhe schlagen lässt. Noch im gleichen Atemzug – das Glas in der Linken, Smartphone in der Rechten – orderten wir weitere Flaschen, der Puls ging schneller: 2001 ASB sei auch noch auf Lager.

Danke liebes Weingut Allendorf, dass Ihr trotz Eures ausgeprägten Trendbewusstseins stets den Mut findet, Raritäten wie diese zu produzieren! In diesem Sinne stimmen wir ein: Fuck Champus drink 2010 Assmannshäuser Spätburgunder Brut.

2010 Assmannshäuser Spätburgunder Brut

Lettres persanes. Tome I: Authentizität und Image. Michael Gutzler und Günther Jauch

Auftakt VDP.GROSSE LAGE 2016. Die sptbrgndr-Redaktion ist natürlich am Start, um die jugendlichen GGs zu beschnobern. Außerdem hoffen wir natürlich, unsere Idole kennen zu lernen. Vielleicht erobert man ja sogar das Herz einer jungen Winzertochter, lässt Kind und Frau im Stich, um bei den Hegers einzuheiraten oder zecht die Nacht mit Stefan Winter im Automaten-Casino durch. Mal gucken, was so geht. Persönlich kennt uns hier noch keiner, wir können uns also unerkannt durch die Massen bewegen. Weil wir zu viel Respekt vor der Krone der Schöpfung haben – man spuckt Ambrosia nicht aus –, sind wir leider ziemlich schnell betrunken und können uns nicht mehr an den Tag erinnern.

Da trifft es sich gut, dass der sptbrgndr-Redaktion der Brief eines persischen Weinliebhabers zugegangen ist, den wir unseren Followern nicht vorenthalten möchten. Mitunter sind seine Positionen etwas naiv, was jedoch nur daran liegt, dass er aus fernen Ländern kommt, in denen andere Sitten und Gebräuche herrschen.

Lieber Freund,

auf der besagten Veranstaltung, die mich übrigens ihres geschäftigen Treibens wegen an unseren Markt in Bagdad erinnert, ist mir zu meiner Überraschung ein Gesicht aufgefallen das ich zu kennen meinte. Ist er es? Ja, dort steht er, Günther Jauch, der Quizfürst – als solcher ist er auch bei uns bekannt. Der Freude weicht Skepsis. Ich weiß nicht, wie es in eurem Land zugeht und ob es Sitte ist, dass ein Mann in mehr als einer Profession wahre Kennerschaft zu erringen strebt, nennt ihr Christen es nicht Übermut (superbia)? Für mich ist es schwerlich nachzuvollziehen, wie ein Mann in der Nacht als Quizmaster, Entertainer, Journalist und Produzent und am Tage im Weinberg tätig sein kann? Ich dachte stets, die Trauben bedürften einer umsorgenden Hand? Sein Blick lädt mich ein, zu probieren. Aber nein, er ist doch kein Winzer. Warum steht er hier, heimst den Ruhm anderer Leute Arbeit für sich ein? Auch in Persien kaufen reiche Männer Land, jedoch würden Sie sich niemals vor die Menschen stellen, welche die Erträge auf ihren Gütern erwirtschaften […]

[Der persische Weinliebhaber lässt sich im Folgenden recht despektierlich über Jauch aus. Wir haben diese Passage gestrichten. – Anm. der Redaktion]

Ohne zu kosten, wandte ich mich also tief verstört ab – lucem demonstrat umbra –, um einem Mann zu sehen, der die Winzerzunft nicht besser vertreten könnte: Michael Gutzler. Ja, er kam aus dem Weinberg, die Statur eines Winzers. Ein Mann, der nicht nur, wie Jauch, als Kind zu Besuch im Weinberg des Onkels war, sondern sein Lebtag darin gearbeitet hatte. Seine Weine waren von höchster Güte und vollendetem Geschmack. Gerade so als würde eine perfekt geschmiedete Platinkette über die Handfläche gezogen werden – man spurt die einzelnen Glieder, nimmt sie aber als harmonische Einheit war. Das Potential der Weine ließ sich nur erahnen. Sie schmeckten nach wahrer Passion, nach Tradition und Inspiration. Ja, Michael Gutzler war eins mit der Rebe geworden – Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen. Doch nein, klassisch war dieser Wein nicht! Hier wird kein Ideal nachgeahmt, Michael Gutzler versucht keine französischen Burgunder nachzuahmen, sondern ganz im romantischen Sinne das Eigene zu kultivieren. Gekonnt pointierte Spätburgunder von ganz eigener Grazie und Eleganz waren das, welche mir die Idee von deutschem Wein, so wie ich sie mir immer vorstellte, in den Gaumen hauchten. Gerne hätte ich noch den Rest des Tages an seinem Stand verweilt, doch mein Flieger zurück nach Persien sollte in einer Stunde gehen.

Auf bald lieber Freund,
Dein persischer Weinliebhaber

Verpassen Sie nicht die Antwort der sptbrgndr-Redaktion! Bleiben Sie am Ball!

Französisches Lobgedicht auf Philipp Kuhn

Anlässlich der Verkostung von Philipp Kuhns Spätburgunder Kirschgarten GG 2008 hat die sptbrngdr-Redaktion einen Gelegenheitsdichter mit ein wenig Panegyrik beauftragt.

Dieu, donnez-moi un signe:
Philippe vigneron,
Qui a le don
De cultiver la vigne!
Il faut que je m'aligne.
Kuhn! Suis-je digne?
De composer
Des vers
D'honneur par ligne –
Sur le sujet
De vigne?
J'espère!
Tu es la mère
Qui porte la corolle
De vigne:
Il faut que je m'aligne
Sur ton domaine viticole!

Über Wein reden

Die Adressaten des so anbetungswürdigen Getränks Wein sind die Sinne, das ist seit über 2000 Jahren bekannt. Sehr schwer ist es bekanntlich aber, die Sinneseindrücke – Geschmäcke und Gerüche – in Worten verständlich zum Ausdruck zu bringen. Wir glauben auch, dass Sinneseindrücke ganz subjektiv und überhaupt schlecht mitteilbar sind. Gleichzeitig gilt Wein zu trinken, darüber zu sprechen und zu urteilen als etwas sehr Kultiviertes und es unterliegt daher dem Postulat, nicht allein Sache der subjektiven Meinung zu sein. Hieraus, aus dem Anspruch, etwas Gültiges darüber aussagen zu können, bezieht das Reden über Kunst und Kultur erst ihre Legitimation und ihre Exklusivität, denn zu einem Urteil darüber bedarf es mühsam zu erarbeitenden Spezialwissens und echte Kennerschaft. Wer über Wein spricht oder schreibt, bedient sich deshalb meistens der so genannten Weinsprache. Sie soll es ermöglichen, nachvollziehbare Urteile auszudrücken.

Bei der Beurteilung von Wein gilt nämlich ein fast schon übertriebenes Objektivitätsideal: das Urteil sollte möglichst nichts Subjektives enthalten, alles sollte ganz sachlich und nachvollziehbar sein. Den Wein ganz nach nach dem persönlichen Geschmack zu beschreiben, hieße, seine Bedeutung zu relativieren und seine Funktion zu verkennen.

Ein guter Wein ist wie ein Kunstwerk und es ist gerade kennzeichnend für Kunstwerke, dass sie aus objektiven Gründen zu loben oder zu tadeln sind und dass der persönliche Geschmack letztlich keine Rolle spielen darf. Das Sprechen und Schreiben über konkrete Weine und ihren Geschmack (Weinexperten nennen dieses Genre »Verkostungsnotizen«) beschränkt sich deshalb meistens darauf, möglichst genau zu beschreiben, welche Geschmacksatome im Wein anzutreffen waren. Eine Kritik ist auch möglich, allerdings beschränkt sie sich auf das Feststellen der Anwesenheit oder Abwesenheit handwerklicher Fehler. Die aufgrund dieser Beschreibung gewonnene Beurteilung findet dann meist Niederschlag in einer Punktebewertung.

Wenn es also stimmt, dass das Bestreben, über Wein ausschließlich mithilfe der ganz objektiven Weinsprache zu sprechen, mit dem Wunsch zu tun hat, den Wein als etwas darzustellen, das dem Bereich der Kultur und Kunst nahe ist, dann darf die sptbrgndr-Redaktion wohl den Vergleich zur Kunstkritik herstellen!

Denn beim Reden über Kunst gilt ja in weiten Teilen ebenfalls das Gebot, möglichst objektiv und sachlich zu sprechen und jedenfalls alles bloß Subjektive wegzulassen. Das betrifft allerdings in erster Linie die wissenschaftliche Beschäftigung mit Kunst – dort enthält man sich möglichst aller Urteile. Anders ist es mit der Kunstkritik: Hier darf und soll der Kritiker ein Urteil finden und es auch gerne exzentrisch vertreten. Sicher soll er Argumente bemühen und sich nicht nur auf das persönliche Gefühl berufen. Aber gleichzeitig sind ästhetische Urteile immer auch Geschmacksurteile. Jean-Baptiste Dubos, einer der ersten, die darüber nachgedacht haben, wie man über Kunst und Geschmack reden kann, formuliert das in seinem berühmten Ragoutvergleich:

Auch wo scheinbar ganz objektiv über Kunst und Kultur gesprochen wird, spielt deshalb immer Wertung eine Rolle und es geht zumindest unterschwellig immer auch darum, ästhetische Urteile zu vertreten. In diesem Sinne wird in den Feuilletons der großen überregionalen Zeitungen seit einigen Jahren auch über Popmusik geschrieben. Dabei versuchen Kritiken so gut wie nie, musikalisch zu beschreiben, sondern gehen gleich auf Bedeutung und Wertung ein. Letzteres wird fast immer als etwas objektiv Gültiges ausgegeben. Dieser Trend ist nur die andere Seite des größeren Trends, der überhaupt dazu führt, dass Popmusik verstärkt Thema des Feuilletons wird: Der Popmusik wird eine besondere kulturelle Bedeutung zugeschrieben.

Diese Beobachtungen setzen die sptbrgndr-Redaktion in den Stand, eine These auszugeben: Je mehr man einem Phänomen tatsächliche kulturelle Relevanz und Bedeutung zuschreibt, desto weniger benutzt man eine rein deskriptive Sprache, um darüber zu reden. Reine Deskription ist dann immer nur ein Teil, der zwar, um Kennerschaft und dergleichen zu signalisieren, argumentativ wichtig ist, der aber nicht die eigentliche Botschaft darstellt.

Was besagt der Vergleich mit der Kunstkritik für die Weinkritik? Während die Analyse vor allem die Funktion hat, Kritik zu begründen und zu ermöglichen, beschränkt sich die Besprechung von Wein sehr häufig auf die Analyse und sieht die Kritik als etwas, das ohnehin nicht verallgemeinert werden kann. Hier hakt sptbrgndr ein und stellt die (offene) Frage, warum man eigentlich eine möglichst objektive Beschreibungssprache benutzen will, wenn man dem Wein doch keine Bedeutung zumisst. Wenn es nur ein Handwerksprodukt ist, wäre das doch gar nicht nötig. Auch über meisterhaft gefertigte Tische oder Kleiderschränke spricht man doch nicht nach Maßgabe einer möglichst objektiven Beschreibung. Die Kochkunst, die hier vielleicht ein Bindeglied darstellt, wird ja bisweilen durchaus nach dem Vorbild der Literatur- und Kunstkritik verhandelt (Jürgen Dollase).

Wenn man aber dem Wein eine über bloße Handwerkskunst hinausgehende Bedeutung zumessen will – warum geht man dann nicht den Schritt zu einer Kritik der Weine? Wo Wein ausführlich thematisiert wird, findet sich häufig eine unentschiedene Ambiguität zwischen Wein als etwas kulturell Bedeutsamen, über das man gültige und über die konkrete Flasche hinaus relevante Aussagen treffen kann, und Wein als Handwerksprodukt, das man nur präzise beschreiben und lege artis beurteilen kann und dessen Bewertung immer Gegenstand des allein subjektiven Empfindens bleibt. Diese Ambiguität ist uns ein Dorn im Auge! Nur wenn es gelingt, sie aufzulösen, kann sie das Sprechen über Wein von dem – sicher meistens ungerechten – Vorwurf emanzipieren, bloß affektiertes Gequatsche zu sein.

Schlechte Weinbücher I

Bildungshungrig wie ich bin, habe ich kurzerhand beschlossen, mich neben Spätburgundern auch mit entsprechender Fachliteratur einzudecken. Voller Vorfreude darüber, dass Geschmack und Hirn schon bald neue Sphären der Kennerschaft erreichen würden, schloss ich den Browser.

So wie es viele Normalos tun, beziehe auch ich Teilbestände über Vicampo. Die Richter des Geschmacks sind hier die beiden Profi-Verkoster Carsten Stammen und Thommy Witteck. Stammen ist der alte Hase, Witteck der junge Hüpfer. Im Geheimen entschloss ich mich dazu, den reifen Stammen zu meinem Mentor, zu wählen. Ich wollte wissen, was er weiß und kaufte.

Das erste Buch sollte mein letztes sein. Voller Wut habe ich es noch am gleichen Tag zurück geschickt. Daher nur einige Impressionen, die ich noch im Kopf habe: Alexander Schreck, Armin Dörr, Carsten M. Stammen: So kochen junge Winzer: Weine und Rezepte der Generation Riesling, 2016.

Das Buch ist ziemlich billig gemacht, Cover erinnert an Systemgastronomie (Szene-Bar). Die Rezepte der »Generation Riesling« sind alle samt einfallslos und unkreativ. Da vergeht einem auch die Lust auf die Weine, die nebenbei ganz albern in Szene gesetzt werden: rechte Seite Rezept – linke Seite überdimensionierte Abbildung einer Weinflasche zusammen mit einigen Zutaten, die entweder um die Flasche drapiert sind oder aber in der Luft herum schwirren – Zwiebeln, Brokkoli, Pilze, Kartoffeln. Es drängt sich dem Leser unweigerlich der Gedanke auf, man hat es hier mit einem Fachbuch für Kochweine zu tun. Die Etiketten, die hier wohl in Szene gesetzt werden sollen, sind jetzt auch nichts Besonderes. Das Konzept des Buches ist auch vollkommener Unsinn: »Die Kombination von einem traditionellen Kochrezept … und einer konkreten Weinempfehlung … ist etwas Besonderes«. Wie soll denn das in der Praxis aussehen? Ich beschließe, mir Frühlingsrollen zu machen und bestelle dann erst einmal den empfohlenen Wein? Das ist doch Quatsch und macht auch niemand! Seltsam ist auch, dass sich einer der Herausgeber (Alexander Schreck) auf die Fahne schreibt, Geschäftsführer der Marketing-Agentur Weinkommunikation , also ebenfalls Profi, zu sein. Es ist doch wirklich eine Gemeinheit, wie diese professionellen Wein-Marketing-Agentur-Menschen einerseits die Winzer in Verruf bringen und sich auf der anderen Seite über uns unwissende und gutgläubige Dilettanten lustig machen und uns neben noch den letzten Groschen aus der Tasche ziehen wollen. Als hätten wir keinen kritischen Verstand!

Letztlich bin ich auch von Carsten Stammen enttäuscht, dass er seinen guten Namen, der uns unreifen Trinkern stets Leuchtturm des guten Geschmacks war, für solch einen Schund hergibt. Wer solche Bücher macht, dem kann man nicht folgen!

Einzelkampf

90, 91, 82, 83, 100, 76, 91 etc. Die Welt des Weines ist ein großer Kampf, der Markt ist hart umkämpft und jedes Jahr beginnt der Wettstreit der Punkte von neuem. Mysteriöse Verkostungskollektive raten tausende von Weinen und trennen so die Spreu vom Weizen.

Aus unserer Laien-Perspektive wirkt dieses Verfahren reichlich albern und bekloppt – so als würde man Ski testen und alle 100 Meter die Bretter wechseln. Unser Credo lautet, dass, wer Wein richtig testen möchte, immer eine Flasche trinken muss.

Oft fordert der Durst sein Recht und so empfiehlt es sich eigentlich immer, zwei Flaschen zu trinken. Das Einzelkampfmotiv geht schon auf die Ilias zurück! Zwei große Helden treffen im Schlachtgetümmel aufeinander, um sich zu messen und dem Schicksal zu stellen. Einzelkampf ist auch auf der Straße, von wo wir herkommen, ein Terminus. Als Motiv ist er zutiefst verankert in unserer Gesellschaftsstruktur. Den Einzelkampf auch als Verkostungsmethode zu etablieren, muss ziel jedes gebildeten Trinkers sein. Denn Kontur entsteht durch Abgrenzung und so offenbart auch jeder Spätburgunder seinen wahren Charakter erst im Einzelkampf.

Damit ist auch schon der Modus benannt, in dem wir, angewidert von dieser philisternhaften Punktenipperei, artgerecht verkosten wollen!

Zweikampf zwischen Hektor und Paris unter den Augen von Hekuba und Priamus (Cod. Pal. germ. 336, fol. 67r )

sptbrgndr im Radio gefeaturet

Trendpropheten stufen deutschen Spätburgunder offiziell als cooles Getränk ein! Julian Heun und Till Reiners bekennen sich in ihrer Radio-Show Blue Moon (Fritz) aufrichtig und ohne Ironie zur Traube: Chapeau!

Im Spätburgunder verdichtet sich der Zeitgeist unserer Generation und sptbrgndr.de ist ihr Sprachrohr. Werde auch Du Teil der Bewegung: werde Spätburgunder-Trinker und style deine Geschmackssinne!

Die Offenbarung

Spätburgunder im Sale und nicht irgendeiner: Jacob Duijn: Pinot Noir SD. Bühlertaler Engelsfelsen 2008. Ich kann es nicht fassen! Einst hatte Captain Cork meine Begierde für diesen königlichen Wein geweckt, doch bis dahin traute ich mich nicht, direkt in die Sonne zu blicken.

Und jetzt stand er als Sonderangebot in der Auslage eines billigen Online-Weinshops, der seiner nicht würdig war. Lächerliche 20 Euro sollte man für eine Bouteille löhnen: Ha!!! Das kann nicht sein, mich packte das Misstrauen. Mit verstellter Stimme und unterdrückter Nummer rief ich bei Jacob Duijn an (auf Handy) und erkundigte mich nach etwaigen Schwächen des 2008er Jahrgangs. Der Klang seiner Stimme, der Inhalt seiner Worte beruhigten mich. Ich orderte sogleich einige Flaschen.

Dann das Warten… Es zehrte an meiner Seele, ich war Penelope (gr. Πηνελόπη, bei gr. Ὅμηρος), Duijns SD Odysseus (gr.Ὀδυσσεύς). Dann kam er, pünktlich zu meinem Geburtstag, und mir wurde klar, dass ich geboren wurde, den SD zu trinken. In die Wogen dieses Weins wollte ich mich ergeben, auf seiner Oberfläche würde sich gewiss meine Seele (gr. ψυχή) spiegeln. Duijns Pinot Noir SD war der Wein, den Jesus auf der Hochzeit von Kana im Sinn hatte (Johannes 2, 1 11) als er sich des Wassers annahm. Ich lauschte kurz an der Flasche, hörte aber nichts: auch egal…

Bei der Verkostung machte ich natürlich alles falsch. Cork hatte den Wein einst einen Tag im Dekanter ruhen lassen, ich gab ihm nicht einmal eine Minute (die Gier hatte mich gepackt), füllte mein Glas, schnupperte kurz und trank… Trotzdem war es ein himmlischer Genuss – die Idee von Spätburgunder –, noch Stunden später hatte ich den Geschmack auf der Zunge (kompetenter als ich es kann, beschrieb Cork den Wein). Nur widerwillig teilte ich, der Duijn hatte mich in seinen Bann geschlagen… Nun weiß ich was Spätburgunder ist!

Nachtrag:
Meiner Schwiegermutter hatte ich unbedacht eine Flasche vom SD geschenkt. Aus Gier und Angst, sie könnte ihn ohne mich trinken, drängte ich bei meinem letzten Besuch dazu, die Flasche in meinem Beisein zu öffnen (passende Gläser, Dekanter etc. hatte mitgenommen). Ich eiferte Cork nach und ließ ihn länger atmen. Während ich trank, kamen mir einige Verse aus Hölderlins Hyperion in den Sinn:

Denn jede Zucht und Kunst beginnt zu früh, wo die Natur des Menschen noch nicht reif geworden ist. Vollendete Natur muß in dem Menschenkinde leben, eh‘ es in die Schule geht, damit das Bild der Kindheit ihm die Rückkehr zeige aus der Schule zu vollendeter Natur.