Schirmherrschaft

Der sptbrgndr-Blog wird schon längst auch im Totenreich gelesen. Über einen Informanten hat unser Praktikant erfahren, dass dort schon seit geraumer Zeit über die edelste Traube und den Wein, den man aus ihr machen kann, gestritten wird. Vor allem Goethe soll sich hier als unerträglicher Besserwisser aufspielen und mächtig für Radau sorgen. Man ruft uns zu Hilfe und wir kommen!

Dort angekommen, zeigt sich uns ein absurdes Bild. Die ganze Unterwelt ist in Aufruhr! Alles was Rang und Namen hat ist hier zugegen. Wir beschließen zu schauen, vorerst nicht zu reden und halten uns im Hintergrund. Wirklich echt nur Prominenz hier, die vom Wein befeuert, hitzig disputiert. Ich sehe Bismarck, rotes Gesicht, rötere Nase, stark abgebaut: »Das Forster Ungeheuer schmeckt mir ungeheuer…« Politische Größen prosten ihm zu. Da, Carl Zuckmeyer,völlig blau, stammelt irgendwas. – Eine Stimme sticht hervor: hessischer Dialekt, frankforderisch, sicher schon einiges intus… Ja, das ist er, Goethe! Fuchtelt mit seinem Glas herum, mit Schaum vor dem Mund und preist seinen Burgunder an. Er sei der letzte, der noch alles gewusst hat und das dieser Wein hier der beste ist, das sei gewiss … bla bla bla – Eckermann geht herum und schenkt von Goethes Wein ein, kichert dabei albern. Diese Toten sind auch nicht besser als die Lebenden, wie pubertierende Jugendliche, kann man sich nur fremdschämen. Kurt Cobain zupft die Laute, singt Goethe ein Ständchen. Dann wird Caravaggio von Eckermann umgeboxt, weil der eine Karikatur von der Szenerie gezeichnet hat, alle Künstler außer Tischbein sind empört. Wie im Irrenhaus…

HOCHHEIM REICHESTAL SPÄTBURGUNDER ERSTES GEWÄCHS 2008 Rausgeholt und aufgekorkt, da werden die Toten aber Gesichter machen. Auf Gunter Künstler war noch immer Verlass. Die Künstler sind entzückt und applaudieren: »Künstler trinken Künstler«, ruft Dürer, »Wein ist Kunst« Van Gogh – alle lachen – Eis gebrochen. Da kommt auch schon Franz Sacher und streckt fordernd seinen Kelch aus. Er ist ganz entzückt: »Dieser Wein schmeckt wie die Idee von Kirschkuchen« – in der Tat! Der Wein kommt weich und samtig daher, das Kirscharoma ist gut eingebunden, dazu gesellt sich im Mund der dezente Geschmack von Teig, erinnert ein wenig an ein Kaffeekränzchen, dabei aber sehr elegant und ausgewogen. Alkohol ist perfekt eingebunden. Findet auch Herr Sacher und genehmigt sich noch ein Schlückchen. Fast zu schade für die Toten.

HOCHHEIM REICHESTAL SPÄTBURGUNDER ERSTES GEWÄCHS 2010 Wir steuern direkt auf Georg Christian Füchsel zu, der etwas abseits steht. Natürlich lobt er das Reichestal, da ist er als Bodenexperte ganz entzückt von. Wir trinken ein Gläschen gemeinsam. »Als Weinjahr war offenbar 2010 ganz klassisch. Das schmeckt man und ist auch gut so, weil sich die Lage so gut einnorden lässt.« Der ist eher burgundisch, leicht verspielt, trotzdem komplex. Wie bei den anderen, so ist auch hier Wildkirsche das vordergründige Aroma, dazu gesellt sich ein wenig schärfe und angenehme Würze, alles aber noch ein wenig verschlossen, in jedem Fall aber ein großer Wein.

HOCHHEIM REICHESTAL SPÄTBURGUNDER GG 2011 »Heda«, der historische Jesus hat den 2011er stibitzt und teilt mit dem historischen 2Pac, der wie alle Rapper eigentlich nur Champagner trinkt, sich nach dem Tod aber ein ganz profundes Wissen über Spätburgunder angeeignet hat. Scheint ihm zu schmecken. Er reimt: »Nothin like the old school/ain’t nuttin like the old school« – Jaja Gunter hat ein Händchen für Burgunder, cooler Typ. 2Pac erklärt, wir übersetzen: »2011 war ein gutes Jahr für die Traube, spiegelt sich auch in diesem Wein. Voller Geschmack und kraftvolles Aroma. Viel Wildkirsche, leicht sauer aber nicht unangenehm, ein bisschen Pflaume schmeckt man raus.« Jesus meint, dass er noch was leicht Bockiges hat. »Yes« antwortet 2Pac und weiter: »Alkohol und Säure sind noch etwas dominant«. Er lobt noch die Lagerfähigkeit. – Wirklich ein Kenner, haben kaum was zu ergänzen. Wir klatschen ab und zücken den nächsten Jahrgang.

HOCHHEIM REICHESTAL SPÄTBURGUNDER GG 2012 Jetzt kommt auch Goethe angewatschelt. Na dann wollen wir mal. Ich gebe ihm erst einmal ein Burgunderglas, das er mit Kennerblick inspiziert. Form und Inhalt müssen passen. Goethe stürzt ein Glas. »Haaallllt!!!!«, rufen wir, »im 21. Jahrhundert trinkt man guten Wein schluck-, nicht literweise!« Man sieht die Röte in sein Gesicht steigen, ist ihm sichtlich peinlich. Typisch, der Geheime Rat hat keinen Respekt vor der Jugend. Und jugendlich ist dieser Wein, aber oho. Hier kann man nur das Potential erahnen, was allerdings nicht unspaßig ist. Noch kommt der 2012er frisch daher, schöne Kirschnoten in der Nase, der hat noch Ecken und Kanten, sicher kein moralischer Wein und im Vergleich zu den anderen Jahrgängen eher unorthodox. Vielleicht hat Gunter Künstler da was im Keller gedreht und noch stärker auf das Alterung gesetzt. – Goethe trinkt jetzt vorsichtiger und ganz manierlich. Die Lektion hat in jedem Fall gefruchtet.

HOCHHEIM REICHESTAL SPÄTBURGUNDER GG 2014 Der ist eigentlich noch viel zu jung, da braucht man jemanden, der das antizipieren kann. Und prompt reicht uns Rudi Dutschke die Hand. Was wir da hätten, fragt er in angenehmen Tenor. »2014er Reichestal«, antworten wir. Rudi grinst: »Wein muss reifen, wie wir Menschen. Der Respekt vor dem Gunter und seinem Werk und vor allem den Arbeitern im Weinberg und im Keller verbietet es mir, diesen Tropfen jetzt schon zu öffnen. In den etablierten Institutionen wird guter Wein zu früh getrunken. Geduld ist die Tugend der Sozialisten, darin üben wir uns jetzt schon lang«. Ej, das ist mal ne Ansage und er hat recht!

Zurück auf der Oberwelt resümieren wir unseren Abstecher. Hochheim Reichestal ist eine großartige Lage, die tollen Spätburgunder mit schöner Charakteristik und sehr hohem Lagerpotential hervorbringt. Das die älteren Jahrgänge noch Verfügbar und recht preisgünstig sind, ist sehr gut und echt fair. Künstlers großartiger Spätburgunder stand ja lange Zeit im Schatten seines Rieslings – so das öffentliche Narrativ –, dies aber ganz zu unrecht, so finden wir!

Gunter Künstler im Triptychon mit Rahmen (Foto: Andreas Durst)

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